Mittwoch, 18. Mai 2016

Mitgefühl, wie wir es lernen können – Prof. Dr. Luise Reddemann im Interview

Wenn ich Menschen coache, egal ob im Bereich Yoga oder Achtsamkeit, bin ich immer wieder sehr betroffen darüber, wie unendlich streng viele Menschen mit sich sind! Leistung, Perfektionsanspruch, weiterkommen, das alles was uns in der heutigen Gesellschaft umzubringen scheint und uns auf den spirituellen Weg gebracht wird, betreiben wir hier oft genauso weiter. Allerdings unbewusst.

Meine eigene Erfahrung aber ist, dass erst dann, wenn wir wirklich tiefes Mitgefühl mit uns selbst haben, kann ein umfassender Fortschritt auf dem spirituellen Weg geben. Nur wenn wir unser Herz für uns selbst öffnen, und uns Mitgefühl schenken, kann tiefgreifende Transformation passieren.

Was aber genau ist Mitgefühl eigentlich? Im letzten Frühling habe eine einwöchige Fortbildung bei Prof. Dr. Reddemann gemacht und hatte dort vor Ort die Gelegenheit, ein Interview mit ihr zum Thema Mitgefühl zu führen. Eine beeindruckende Frau mit einem tiefen Wissen, die übrigens auch auf dem Fachkongress "Achtsamkeit und Mitgefühl in Therapie und Gesellschaft" vom 23. September 2016 - 25. September 2016 anwesend sein wird. Infos und Anmeldung.


Doris Iding: Das Interview findet im „Zist“ in Penzberg im Rahmen einer Fortbildung zum Thema Mitgefühl statt. Die Fortbildung ist ausgebucht. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Thema auszuwählen?

Luise Reddemann: Viele Menschen wissen viel zu wenig darüber. Besonders solche, die professionell mit anderen arbeiten, denen es nicht gut geht. Zum Beispiel Ärztinnen, Psychotherapeutinnen, Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen etc.. Sie sind häufig empathisch, aber Mitgefühl zu haben, ist vielen fremd. Ich halte es für sehr wichtig, denn es geht auch um Mitgefühl mit uns selbst und für die Menschen, mit denen wir arbeiten.


Doris Iding: Worin besteht der Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl?

Luise Reddemann: Mitgefühl ist die Fähigkeit, sich einfühlen zu können, und dem daraus resultierenden Wunsch etwas Heilsames zu bewirken. Beim Mitgefühl geht es auch immer um Akzeptanz von Leiden – unser eigenes und das von anderen Menschen. Und genau hier ist die Grenze zur Empathie. Empathie bedeutet, sich in einen anderen einfühlen zu können. Gleichzeitig kann man ihm mit dieser Fähigkeit aber auch Schaden zufügen und ihn ausnutzen. Versierte Versicherungsmakler oder Bänker zum Beispiel fühlen sich ein und drehen den Menschen gleichzeitig unlautere Dinge an. Empathie kann in eine heilsame Richtung gehen oder auch nicht. Mitgefühl ist immer handlungsorientiert dahingehend, dass ich immer etwas Heilsames bewirken möchte für mich oder andere.


Doris Iding: Wann sind Sie selbst das erstmal mit dem Thema (Selbst)Mitgefühl in Kontakt gekommen?

Luise Reddemann: Datieren kann ich es nicht, aber ich kann mich daran erinnern, dass meine Meditationslehrerin Sylvia Wetzel in einem Seminar darüber gesprochen hat, wie wichtig es ist, dass wir, die in helfenden Berufen arbeiten, nicht nur Mitgefühl für andere haben, sondern auch für uns selbst. Für meine Patienten hatte ich es immer schon, aber mit mir selbst bin ich lange eher sehr streng umgegangen. 


Doris Iding: So wie Ihnen geht es ja auch offensichtlich Ihren Kolleginnen, die hier im Seminar sind. Sie empfinden Mitgefühl für andere, sind sich selbst gegenüber aber sehr streng. Es heißt auch, dass wir in einer Kultur leben, die eher über wenig (Selbst)Mitgefühl verfügt. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Luise Reddemann: Das liegt vermutlich daran, dass wir in unserer Kultur streng und sogar mit Gewalt erzogen worden sind. Wir haben daraus gelernt, dass wir streng mit uns sein sollen, dass wir uns anstrengen müssen, um etwas zu erreichen, damit wir „jemand“ sind, und dass wir selbst nicht wichtig sind.


Doris Iding: Was braucht es Ihrer Meinung nach, um Mitgefühl zu kultivieren?

Luise Reddemann: Ich glaube, es braucht das, was alle Dinge im Leben brauchen, die man kultivieren möchte. Als erstes sollte man sich einigermaßen bewusst machen, dass es sinnvoll und wohltuend ist, dann sollte man es wirklich wollen und es dann auch praktizieren, so gut es geht.

Doris Iding: Sie haben gerade Psychotherapeutinnen, Sozialarbeiterinnen etc. angesprochen. Ist es gerade für die helfenden Berufe typisch, dass dort mangelndes (Selbst)Mitgefühl herrscht?

 Luise Reddemann: Es ist wohl überall so, dass die Menschen wenig Selbstmitgefühl haben. Sie bemühen sich um Selbstwert, gehen dabei aber schnell in Konkurrenz mit anderen, und definieren sich nach dem Motto, dass ich „besser“ im Sinn von Leistung bin als der andere. Um Selbstwirksamkeit bemühen sie sich auch, aber wirklich freundlich und mitfühlend mit sich selbst und dem eigenen Leid sind die wenigsten. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht nur in helfenden Berufen so ist.

Doris Iding: Lernt man denn nicht in helfenden Berufen, mitfühlend zu sein?

Luise Reddemann: Nein, daran kann ich mich nicht erinnern, so etwas erlernt zu haben. Vielleicht ist das heute so, aber ich denke eher nicht. Sie lernen zahlreiche Fertigkeiten, aber nicht, mit sich selbst und anderen Mitgefühl zu haben. Mitgefühl bringen Kinder übrigens nach neuerer Forschung mit auf die Welt, aber sie verlieren es dann, u.a. weil ihnen nicht mit Mitgefühl begegnet wird.


Doris Iding: Gleichzeitig vermitteln Therapeuten ihren Patienten, besser mit sich selbst umzugehen.

Luise Reddemann: Besser mit sich umzugehen heißt aber noch nicht, dass ich mitfühlend mit mir selbst bin. Das heißt bestenfalls dass ich freundlich mit mir bin. Aber da muss noch lange kein Mitgefühl mitschwingen. Mitgefühl heißt, dass ich weiß, dass ich leide und dass ich akzeptiere, dass ich leide. Selbstfürsorge kann aus Selbstmitgefühl resultieren. Erst sollte ich akzeptieren, dass ich leide und mir nicht sagen: „Ach, jetzt stell dich nicht so an!“ Selbstfürsorge wird schon gepredigt, aber es fehlt die Basis, nämlich das Selbstmitgefühl. Natürlich haben viele Menschen intuitiv ein Gefühl dafür, aber solange es unbewusst geschieht, kann es vor allem im Fall von professionellem Handeln nicht so wirksam sein. Als professionell Handelnde brauchen wir eine Haltung des Mitgefühls.


Doris Iding: Was ist denn, wenn zwar der Wunsch in mir nach Selbst(Mitgefühl) da ist, aber die Türe zum Herzen zu ist und ich die schwer aufkriege? Wirken diese Sätze der Meta-Meditation (siehe Kasten) überhaupt? Ist Mitgefühl dann nicht einfach nur ein theoretisches Konstrukt?

Luise Reddemann: Es ist gut, auf der kognitiven Ebene anzufangen. Aber es ist nicht alles. Es geht besonders darum zu fühlen, dass Schmerz da ist, dass Leid da ist. Bereits in den kleinen Übungen, die wir hier in der Fortbildung machen, kann man sehen, wie schnell etwas bei den Menschen in Bewegung kommt. Es ist ein Zeichen dafür, wie viel Schmerz bei den Leuten unterdrückt wird. Es kann passieren, dass ein großer Schmerz hochkommt, weil man erkennt, wie wenig man von dem bekommen hat, was man sich zutiefst ersehnt hat und wie wenig man sich selbst gibt. Das zu erkennen, tut ja auch weh. Wenn man dann ahnt, was alles möglich wäre, wenn man mehr Mitgefühl mit sich selbst hätte, kann das viel Schmerz auslösen. Deshalb braucht es als Gegenmittel die drei anderen: Freundlichkeit, Gleichmut und vor allem Freude, das möchte ich hervorheben.


Doris Iding: Aber ist da nicht die Gefahr, dass man da unendlich im Selbstmitleid versinkt?

Luise Reddemann: Zwischen Selbstmitleid und Selbstmitgefühl besteht ein großer Unterschied. Daher haben Menschen, die lehren, eine große Verantwortung, das entsprechend zu vermitteln. Das bedeutet, dass man akzeptiert, wie es ist, also auch, dass da jetzt Selbstmitleid ist, keinen Druck macht, freundlich ist und einfach kleine Schritte macht. Es besteht das Risiko, dass zu viel hoch kommt- besonders dann, wenn man ein sehr belastetes Leben hatte oder hat. Andererseits erlebe ich oft sehr belastete Menschen, die gerade durch die Praxis des Mitgefühls sehr bald liebevoller mit sich werden.


Doris Iding: Was mache ich, wenn ich durch eine Meditation oder Visualisierung erkenne, dass sehr tiefe Verletzungen in mir sind und ich Mitgefühl für mich brauche, aber nicht weiß, wie ich es entwickle?

Luise Reddemann: manchen hilft es, vertrauenswürdige Freunde anzusprechen und ihnen zu erzählen, was hochgekommen ist. Ansonsten ist es ratsam, erfahrene Hilfe zu suchen bei jemand, der sich auskennt. Dann braucht es natürlich auch Geduld und Zeit. Allerdings leben wir in einer Zeit, in der uns versprochen wird, dass alles schnell geht. Das ist aber nicht immer der Fall. Und dann liest man in einem Interview, dass Soundso sagt, dass eine Woche Selbstmitgefühl schon viel ausmacht. Das stimmt so und auch nicht, denn wenn man es nach einer Woche wieder lässt, dann kann man langfristig keine positiven Resultate erwarten. Ich bin hier für Langsamkeit und viel Geduld. Die Zeit spielt eine wichtige Rolle, aber es gibt auch Menschen, die denken, dass es gut ist, wenn man alles beschleunigt. Durch ein Buch, eine HörCD oder auch ein Seminar kann ein Prozess angestoßen werden, aber wenn man nicht dranbleibt, verebbt es auch wieder.


Doris Iding: Dann ist es wohl auch eher ein lebenslanger Prozess, (Selbst)Mitgefühl zu entwickeln und zu kultivieren, oder?

Luise Reddemann: Ja. Man kann sich auf einer Wanderung ja ein Stück begleiten lassen und dann geht man alleine weiter. Ich finde es schwierig, Versprechungen zu machen, dass man nach einem achtwöchigen Kurs in was auch immer „fertig“ ist. Vermittelt wird eher ein Handwerkszeug, das Menschen dann ein Leben lang nutzen und pflegen können.


Doris Iding: Achtsamkeit und Mitgefühl, wie wichtig ist das Zusammenspiel?

Luise Reddemann: Sie gehören zusammen. Mitgefühl erwächst aus Achtsamkeit. Und Achtsamkeit braucht man, um etwas zu bemerken. Allerdings kann es auch umgekehrt sein, dass gerade aus Mitgefühl Achtsamkeit erwächst.


Doris Iding: Warum fällt es uns so leicht, uns leichter für etwas schuldig zu fühlen, anstatt Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln?

Luise Reddemann: Es fällt uns schwer zu akzeptieren, dass wir als Mensch begrenzte Wesen sind und Fehler machen. Aus meiner Erfahrung fällt es uns schwer, die eigene Ohnmacht zu akzeptieren. Deshalb entscheiden wir uns lieber dafür, uns selbst zu beschuldigen, anstatt Mitgefühl für uns und andere zu entwickeln und zu kultivieren. Wir sind viel zu streng mit uns selbst. Die Gnadenlosigkeit, mit der wir mit uns selbst zu Gericht gehen und riesige Anforderungen an uns stellen, ist ebenfalls kulturell bedingt. Wir wissen aus Erfahrung und inzwischen auch aus der Hirnforschung: Wenn man sich jeden Tag Vorwürfe macht, verselbständigt sich das irgendwann. Es ist als fräse es sich im Gehirn ein. Sich das wieder abzugewöhnen, braucht viel Zeit, Geduld und noch mehr Mitgefühl.


Doris Iding: Haben Sie abschließend noch einen Tipp für die LeserInnen?

Luise Reddemann: Ich halte nicht viel von Tipps, aber vielleicht kann ich zusammenfassen: Praktizieren Sie Mitgefühl mit Hingabe. Üben Sie regelmäßig und verurteilen Sie sich nicht, wenn es nicht von heute auf morgen klappt. Setzen Sie sich selbst nicht unter Druck und machen Sie sich selbst so wenig Stress wie möglich. Entdecken und entwickeln Sie Freude an den Übungen und der Praxis des Mitgefühls. Denn darum geht es. Und mit Mitgefühl für sich selbst werden Sie dann auch wieder viel mehr Freude am Tun und am Sein entdecken.

Prof. Dr. Luise Reddemann, Jahrgang 1943, ist Fachärztin für psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikerin. Sie beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit Meditation und seit mehr als 30 Jahren mit Traumafolgestörungen, Mitgefühl und Resilienz.

Buchtipps:
  1. Kirstin Neff: Selbstmitgefühl. Schritt für Schritt. Buch & 4 CDs. arbor verlag. 2103
  2. Luise Reddemann und Sylvia Wetzel: Achtsamkeit und Mitgefühl: Mut zur Muße statt Hektik und Burnout.
  3. Christopher Germer und Christine Bendner: Der achtsame Weg zur Selbstliebe: Wie man sich von destruktiven Gedanken und Gefühlen befreit Arbor verlag 2011
  4. Russel Kolts, Thubten Chödron: Die Weisheit eines offenen Herzens. Wie wir lernen, Mitgefühl im Alltag zu kultivieren. Arbor Verlag 2016

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