Sonntag, 7. Juni 2020

Trauma und Corona: Prof. Reddemann im Interview


Prof. Reddemann zählt zu den erfahrensten Trauma Therapeutinnen in Deutschland. Während des Lockdowns führte ich ein Interview mit ihr: 

Was genau ist ein Trauma?

Trauma bedeutet Wunde oder auch Verwundung, in diesem Fall auf der seelischen Ebene. Wie bei körperlichen Wunden gehen die Verwundungen von ganz leicht bis sehr schwer. Es lässt sich vorstellen, dass jemand der oder die auf dem Land mit großem Garten lebt, ganz anders belastet sein wird als jemand die z.B. als alleinerziehende Mutter in der Großstadt mit 3 kleinen Kindern in einer kleinen Wohnung zurecht kommen muss. Das Einhalten sozialer Distanz ist für Viele sehr belastend und kann sich traumatisierend auswirken. Die Folgen all dieser unterschiedlichen Formen von Belastungen oder auch Traumatisierungen sind wiederum sehr unterschiedlich. Sehr belastete Menschen können z.B. in starke Unruhe geraten, oder auch erstarren. Je länger diese Krise anhält, desto mehr Menschen werden mit Belastungssymptomen reagieren. Auch das hat Ähnlichkeit mit einem körperlichen Trauma. Je länger eine Verletzung einwirkt, desto gravierender kann sie sein. Ich möchte aber auch sagen, dass nicht alle Menschen die jetzige Situation als traumatisierend erleben. Das hängt mit einigen weiter unten angesprochenen Faktoren zusammen.

 

Wir befinden uns in einer großen Krise. Wie beurteilen Sie als Traumatherapeutin diese Situation?

Diese Krise kann – aber muss nicht! – insbesondere für Menschen, die schon früher im Leben traumatisierende Erfahrungen gemacht haben, als extrem belastend erlebt werden. Es gibt aber auch Menschen, die sagen und ertragen können, dass zum Menschsein durchaus solche Erfahrungen dazu gehören. Insbesondere wenn man sich an unsere Geschichte erinnert, hat es ja sehr große vergleichbare Krisen gegeben. Man denke an die Pest.

 

Kann die jetzige Coronakrise traumatische Erfahrungen für Menschen auslösen?

Ja, das ist möglich. Wir erleben ja, dass wir hilflos sind. Wir wissen nicht, was es mit dem Virus auf sich hat, wie man ihm begegnen soll. Hilflosigkeit in dem Ausmaß wie wir sie jetzt erleben, kann sich traumatisierend auswirken, insbesondere dann, wenn noch weitere Probleme, die mit sich ausgeliefert Fühlen, z.B. Geldsorgen zusammenhängen, dazu kommen.

 

Welche Menschen sind besonders gefährdet ein Trauma zu erfahren?

Hier ist zu unterscheiden zwischen dem, was geschieht und dessen Folgen. Weil der Traumabegriff doppelt verwendet wird. Das, was geschieht, geschieht ja derzeit so gut wie allen. Wie sich das, was geschieht, auswirkt, ist unterschiedlich. Gefährdet sind daher eher die Menschen, die über zu wenige schützende Möglichkeiten verfügen oder schon vorgeschädigt sind, um mit der belastenden Erfahrung fertig zu werden.

 

Woran erkenne ich, dass ich traumatisiert bin?

Das kann vielschichtig sein. Unruhe könnte sich zeigen, bisher nicht bekannte Ängste und sogar Panik. Ständiges sich beschäftigen mit dem was jetzt schwierig ist, keine Ruhe finden. Oder im Gegenteil, sich erstarrt fühlen.

 

Was können Menschen tun, die frühere Erfahrungen gemacht haben zum Beispiel mit Isolation und jetzt möglicherweise traumatisiert oder retraumatisiert werden?

Für quasi erzwungene Isolation, wie sie uns jetzt gerade widerfährt, ist vermutlich kein Mensch „gemacht“. Wir sind soziale Wesen! Es ist wichtig anzuerkennen, dass diese Erfahrung belastend ist und auch Angst machen kann – und eben auch darf. Wenn möglich ist Bewegung entlastend, jede Art von Bewegung vermittelt uns, dass wir nicht gänzlich ausgeliefert sind. Wenn möglich rate ich auch, immer wieder die Wohnung zu verlassen. Falls man in Quaratäne ist, sich klar zu machen, dass das vorübergehend ist. Aber eines ist klar: Das sind schwierige Situationen. Und das sollte man nicht schön reden. Wenn man sich aber sagen kann: Das ist schwer und ich will und kann das meistern, kann das hilfreich sein. Ich halte im Übrigen die Metapher „wir sind im Krieg“ für sehr gefährlich. Wir sind in einer sehr herausfordernden Situation, aber im Krieg sind wir nicht. Und es geht uns hier in Deutschland mehrheitlich auch viel besser als vielen Menschen sonst auf der Welt.

 

Es gibt viele Menschen die Panikattacken und Ängste erfahren. Wie können diese Menschen aus Ihrer Sicht mit den Ängsten unter gegebenen Umständen umgehen?

Ängste und auch das Erleben von Panik sind normale Reaktionen auf eine Erfahrung, die über uns hereinbricht und die wir wenig gestalten können. Also scheint es mir wichtig, dass wir uns solche Reaktionen erlauben, aber sie nicht überbewerten. Man kann sich sagen: Da ist Panik und ich bin mehr als meine Panik. Denn das ist auch wahr. Wenn ich mir bewusst mache, was noch alles da ist, kann das sehr erleichternd wirken. Das habe ich vielfach mit meinen PatientInnen erfahren dürfen. Es ist dies kein Schönreden, womit man sich selbst betrügen würde, sondern ein Akzeptieren und die Dinge beim Namen nennen. Das kann erleichternd wirken.

 

Die Welt scheint gerade aus den Fugen zu geraten. Diese Tendenz zeichnete sich schon vor der Krise ab. Was können wir tun, um in solchen Zeiten in unsere Mitte zu kommen und dort zu bleiben. Besonders dann, wenn man traumatisiert ist.

Herausfinden, was einem Halt und Geborgenheit vermittelt und diese Gelegenheiten immer wieder herbeiführen.  Da das sehr vielfältig ist, lässt sich keine allgemeine Empfehlung aussprechen.

 

Wie erklären Sie sich die starke Spaltung in der Gesellschaft, die gerade stattfindet?

Das hat sicher viele Gründe. M.E. zeigt sich in solchen Situationen wie jetzt alles, was ungeklärt ist. Und da gibt es Vieles! Soziale Ungerechtigkeit, die in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat. Dass es danach aussieht als würden die die ohnehin haben noch mehr bekommen und die, die wenig haben noch weniger. Derartige soziale Ungerechtigkeiten spalten. Das, was sich jetzt zeigt, war alles schon da. Krisenzeiten machen solche Dinge wie soziale Ungerechtigkeit deutlicher.

 

Dr. Luise Reddemann vermittelt in ihren Büchern viele hilfreiche Tipps im Umgang mit Traumata. Zwei davon sind:

„Imagination als heilsame Kraft“ (Klett-Cotta)

„Eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt“ (Herder)

Mittwoch, 27. Mai 2020

Gestress? Genervt? Dann ist es Zeit für eine Runde Bhramari, eine wunderbare Pranayama-Übung



Bhramari ist eine der drei klassischen Yoga-Atemtechniken, die dich unterstützt, einen ruhigen Geist zu erlangen.

Bhramari wird in Indien eine große Biene genannt, die bevorzugt Rosen zum Nektarsammeln anfliegt. Im Yoga versucht man, ihr Summen zu imitieren, weil im Grundlagentext des Yoga, der Hatha-Yoga-Pradipika, geschrieben steht, dass „im Geist eine beseligende Heiterkeit erscheint“, wenn man sie ausführt.

Sonntag, 22. März 2020

Das Leben endet nie! Willigis Jäger im Interview

Es war für mich ein großes Geschenk, Willigis Jäger mehrfach interviewen zu dürfen. Heute möchte ich gerne dieses Interview mit Euch teilen, dass ich für mein Buch "Quellen der Heilung" geführt habe.

Alle Weisheitslehren und alle Religionen umkreisen in unendlichen Variationen die Themen Leben, Tod und Wiedergeburt und ihre Beziehung zueinander – in welcher Form auch immer.

Ob unter den Überschrift »Seelenwanderung«, »Auferstehung«, »Paradies«, »Unsterblichkeit der Seele« oder »Nirvana« – stets wird der Tod als Variante des Lebens und das Sterben als Akt der Verwandlung verstanden. Während sich andere spirituelle Traditionen bewusst mit dem Thema Tod beschäftigen und es hier eine Vielzahl von Techniken gibt, in denen sich der Praktizierende bewusst mit dem Tod auseinandersetzt, wird das Thema Tod in unseren Breitengraden jedoch immer noch tabuisiert und als ein vom Leben getrenntes Phänomen betrachtet. Integrieren wir den Tod hingegen in unser Leben und heißen ihn willkommen, so können wir tiefe Heilung erfahren, so lautet die These des 83jährigen Willigis Jäger, der als Benediktiner und Zen-Meister sowohl von der christlichen Mystik als auch vom östlichen Zen inspiriert wurde und zugleich weit über die traditionellen Vorstellungen der Religionen hinausgeht. Seine Vision einer integralen Spiritualität vereint den großen Erfahrungsschatz der östlichen und westlichen Weisheit in sich und bezieht zugleich neueste Erkenntnisse der Wissenschaften mit ein.

In Ihren Vorträgen und Büchern geht es immer wieder um die Vermittlung einer neuen Sicht auf das Sterben und den Tod. Was genau möchten Sie den Menschen für eine neue Sichtweise auf ein so großes Tabu-Thema wie den Tod vermitteln?

Willigis Jäger: Wir sind viel mehr, als wir meinen zu sein, und wir sind etwas ganz anderes, als wir meinen zu sein. Wir sind nur das Instrument, auf dem ein unsichtbarer und unbegreifbarer Spieler spielt. Wir sind auch mehr als unser Unbewusstes. Wir sind immer eingeschlossen in das EINE.
Meister Eckhart sagt daher: »Wenn ich in den Grund, in den Boden, in den Strom und in die Quelle der Gottheit komme, so fragt mich niemand, woher ich komme oder wo ich gewesen sei. Dort hat mich niemand vermisst. Wir können aus dem Göttlichen Urprinzip nicht herausfallen.
Was stirbt Ihrer Meinung nach?

W. J.: Es stirbt nur die Hülle, in der sich das Unbegreifliche in meinem Menschsein ausdrückt. Wir sind nicht das, was wir meinen zu sein. Dieses Haus ICH existiert nicht. Es stirbt das vordergründige Personale. Sicher geht ein Energiebündel weiter. Denn in diesem Universum kann keine Energie verloren gehen. Was daraus wird, kann niemand sagen, auch der nicht, der meint, es zu wissen.
Und was lebt weiter?

W. J.: Das Leben. Es kann nicht sterben. Noch einmal, wir sind etwas ganz anderes, als wir meinen zu sein. Unser Ich verdeckt uns, was wir wirklich sind. Die berühmte Geschichte vom Jüngling, der das Antlitz der Göttin sehen wollte, sagt uns das bildhaft. Wer den Schleier von ihrem Bild hebt, unter dem sie verborgen ist, und das Antlitz der Göttin sieht, muss sterben. Der Jüngling wollte lieber sterben, als ewig von dieser Sehnsucht geplagt zu sein, das Antlitz der Göttin zu sehen und hob den Schleier. Und was sah er? Er sah sich selbst, sein wahres Antlitz, sein göttliches Leben. Und das ist weder geboren, noch kann es sterben.
Haben Sie in Hinblick auf Ihren eigenen Tod manchmal das Gefühl, noch so viel vor zu haben, dass Sie befürchten, nicht alles zu schaffen?

W. J.: Nein! – Es kommt im Leben nicht auf Leistung an, sondern auf Sein. Niemand wird mich einmal fragen, was ich geleistet habe. Entscheidend ist, dass ich wirklich Mensch war mit allen Möglichkeiten, die mir gegeben wurden. Ganz Mensch zu sein, zu dieser Zeit, an diesem Ort auf diesem Staubkorn am Rand des Weltalls, das ist der einzige Grund, warum ich hier bin. Christlich gesagt: Gott möchte in mir Mensch sein zu dieser Zeit in dieser Gestalt und an diesem Ort.

Ich weiß nicht, ob mein Eindruck stimmt, aber ich habe das Gefühl, dass viele ältere Menschen in Ihre Seminare kommen. Wenn ja, wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

W. J.: In Indien teilt man das Leben in drei Phasen ein: Entwicklung und Ausbildung, in Beruf und Lebensaufgabe und in eine Zeit, in der sich der Mensch zurücknehmen und nach Innen gehe darf, um den Sinn des Lebens tiefer zu begreifen. Ich habe gerade im Gilgamesch-Epos gelesen. Es wurde 2700 Jahr vor Christus geschrieben. Gilgamesch, den Herrscher von Mesopotamien, trieb damals schon die Frage um: Woher komme ich? Wer bin ich? Wo gehe ich hin? Diese Frage stellt sich jeder Mensch, spätestens wenn er den Zenit seines Lebens überschritten hat. Wir helfen den Menschen auf dem Benediktushof dabei, eine Antwort in sich selbst zu finden.  Es kommen mehr und mehr auch junge Menschen. Diese Frage scheint den Menschen in unseren Tagen schon sehr viel früher einzuholen.

Liegt es auch daran, dass ältere Menschen dem Tod offensichtlich ein Stück näher sind und sich dann Rat und Unterstützung von Ihnen holen möchten?

W. J.: Die Menschen kommen mit der Frage: Was ist nach dem Tod. Während die traditionellen Religionen eine innere Befreiung von der Welt durch eine Loslösung von allem Diesseitigen zu erreichen versuchen, und das Eigentlich in ein Jenseits verlegen, um eine unmittelbare Schau des Absoluten, des Göttlichen, der Leere und des Unbekannten zu erreichen, versucht eine mystische Spiritualität, das Hier und Jetzt zum Mittelpunkt zu machen. Hier und jetzt drückt sich das Unbeschreibbare aus, in genau dieser Form, zu dieser Zeit, an diesem Ort. Es geht nicht darum aus der Welt zu scheiden und in ein Verlöschen oder eine neue Wiedergeburt oder in einem Himmel einzugehen, um die Seligkeit zu erreichen. Es geht um die Erkenntnis, dass wir und alles durchdrungen sind von dieser »Urwirklichkeit«. Es gibt keine Zeit. Es geht darum, diesen Tanz des evolutionären Geschehens mitzutanzen. Man tanzt nicht, um möglichst schnell zu Ende zu kommen, man tanzt um des Tanzes willen. Tanzschritt des »Tänzers Gott« zu sein und alles Handeln als spirituell durchdrungen zu erfahren, ist das Ziel. Das gilt auch für ein eventuelles Leben nach dem Tod. – In der Mystik gibt es nur das Jetzt. Das gilt zu jedem Zeitpunkt, gleichviel in welcher Existenz ich lebe. Nur im Jetzt kann ich die Eingrenzung des Personalen überschreiten.

Es gibt Menschen, die behaupten: Entweder man hat Angst vor dem Tod oder man hat keine. Was raten Sie Menschen, die Angst vor dem Tod haben?

W. J.: Das Ich des Menschen wird wohl immer Angst haben. Unser Menschsein hängt ja an ihm. Aber es gibt eine Tiefenschicht in uns, die voll Vertrauen loslassen kann. Die spirituellen Wege, die wir hier lehren, führen in eine Seinserfahrung, die eine große Gewissheit und Sicherheit gibt, dass dieses Universum von einem universalen Sinn getragen ist, in den ich eingebettet bin.

Sie haben einmal einen Vortrag zu dem Thema gehalten »Tod ist Leben.« Was genau unter einem solch widersprüchlichem Titel verstanden?

W. J.: Auch der Prozess des Sterbens ist das Leben dieser Urwirklichkeit. Auch der Tsunami, das Erdbeben und der Weltuntergang sind durchdrungen von diesem Leben. Nicht der Mensch stirbt. Was wir Gott nennen, stirbt als diese Menschen, die umkommen. Er (ES) offenbart sich auch als Tsunami und als Erdbeben. Einen Gott außerhalb würde ich als Sadist beschuldigen. Er (ES) selber stirbt als diese Form, als diese Menschen, aber das Leben geht weiter.

Sie schreiben in Ihrem Buch »Das Leben endet nie«, dass es Ihnen in erster Linie um eine neue Sicht von der Welt, von dem Menschen, owie vom Körper, von der Psyche und von dem Bewusstsein und als Folge davon um eine ganz neue Einstellung zu Gesundheit, Krankheit, Leiden, Sterben und Tod und damit auch eine neue Einstellung zur Heilung geht. Können Sie diese neue Sicht in ein paar Sätzen zusammenfassen?

W. J.: Es gibt keinen Tod. Das Leben kann nicht enden. Nur die Form, in der sich das Leben offenbart, kann untergehen. Auch als Krankheit, Leid und Tod offenbart es sich. Alles Scheitern ist auch Neubeginn. Es schließt sich nicht ein Tor, wenn wir sterben, es öffnet sich ein Tor. Das bedeutet für mich die Auferstehung Jesu. Wir gehen in eine neue Seinsweise. Niemand kann sich vorstellen, was diese Seinsweise sein wird. Wir versuchen immer wieder aus der Raupe den Schmetterling zu erklären.

Momentan befinden wir uns in einer sehr misslichen Lage. Immer mehr Menschen erleiden schwere Schicksalsschläge, verlieren durch Terroranschläge oder durch die wachsenden Naturkatastrophen einen geliebten Menschen. Kann ein Mensch durch die These »Tod ist Leben« Trost und damit Heilung seines Schmerzes finden? Sollte es dann nicht eher heißen: »Tod ist Leiden«?

W. J.: Das folgende ist nicht leicht zu vermitteln. Ich muss wieder sagen: Für mich gibt es keinen Gott außerhalb. Was ich Gott nenne, vollzieht sich als das, was ist. Es ist wie der Ozen, der immer neue Wellen wirft, aber immer der Gleiche bleibt. Wenn die Welle zurückfällt in den Ozean, fällt ein Bündel von Energien zurück. Was aus diesem individuellen Energiebündel wird, kann ich offen lassen. Es formt sich immer nur dieses göttliche Urelement in einer neuen Form aus. »Wiedergeboren wird immer nur der Herr«, sagt die Gitta. Wie tröstlich: Was wir Gott nennen, kommt wieder in einer neuen Form. Warum Angst haben?

Sie sagen immer wieder: Der Tod ist die Vollendung unserer Geburt. Wir fügen uns nicht dem Tod, wenn wir sterben, wir fügen uns ein in den Fortgang des Lebens, das kein Verweilen kennt. Was genau meinen Sie mit dieser Aussage?

W. J.: Das ewige Leben kann man mit einer Symphonie vergleichen. Die Musik ist das Wichtige, nicht die Note. Jetzt bin ich die Musik in dieser einmaligen, individuellen Note und habe die Symphonie an dieser Stelle klingen zu lassen. Die Musik geht weiter, wenn ich sterbe. Die Form bleibt zurück. Zu erfahren, dass ich Musik, Klang, göttliches Leben bin, das weitergeht, auch wenn die Form zerbricht, ist die Überwindung des Todes.

Im Hinduismus und im Yoga glaubt man an Widergeburt. Gerade ist Yoga ja hier im Westen sehr beliebt, und entsprechend häufig hört man, wie die Menschen über ihre Wiedergeburten sprechen, als würde es sich um eine Erfahrung des letzten Jahres handeln. Es werden auch gerade von vielen Menschen Rückführungsseminare besuchen. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

W. J.: Shakyamuni Buddha sprach nicht von Wiedergeburt. Er hat sich geweigert, etwas über eine Zeit nach dem Tod zu sagen. Alle Erlebnisse und Vorstellungen von Wiedergeburt kommen aus dem begrenzten Ich. Das zeitlose Bewusstsein ist nicht nach unseren Vorstellungen organisiert. Wir leiden an einer unglaublichen Arroganz und wollen nicht zugeben, dass Wirklichkeit etwas ganz anderes ist, als uns Sinne und Verstand ständig vorspielen, obwohl uns auch die Neurologie sagt, es gibt kein ich. Wir sind nicht nur nicht Herr in diesem Haus ICH, es gibt dieses Haus überhaupt nicht. Das Ich ist eine Eingrenzung. In dieser Einschränkung sprechen wir auch über Wiedergeburt. Dass Ich erträgt es nicht, dass es sterben muss, ja dass es gar nicht existiert. Aber genau dieses Sterben, sagen uns alle wirklichen spirituellen Wege, ist die Voraussetzung für ein Erwachen zur Wirklichkeit. Es ist eine schlimme Kränkung für unser Ich. »Stirb auf deinem Kissen«. (Zen) – »Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen« (Jesus).

Heißt das, das Sie nicht an Wiedergeburt glauben?

W. J.: Hinter dieser Ansicht steckt mir zu viel Moral. Wir meinen, wir könnten das evolutionäre Geschehen durch »gute und schlechte Taten« beeinflussen. Das ist mir zu menschlich gedacht und letztlich eine Form von Egoismus. Milliarden von Jahren gab es unsere Spezies nicht. Niemand hat uns vermisst. Irgendwann wird es uns wieder nicht geben, niemand wird uns vermissen. Das zeitlose Leben wird weitergehen, aber nicht diese Form. Der Ozean wird weiter bestehen, aber nicht die Welle. Sünde ist Mangel an Erkenntnis.

Und was halten Sie vom Karma-Gedanken?

W. J.: Alle unsere Taten und Werke sind letztlich Energie. Diese hat einen Einfluss auf das ganze Universum. Es kann nichts verloren gehen, sagt uns die Naturwissenschaft. Die Frage ist wiederum, muss sich die Energie wieder in einer menschlichen Form ausdrücken? Es gibt in diesem ungeheuren Universum Milliarden andere Möglichkeiten. Wir sind vernarrt in diese unsere menschliche Form. Und noch etwas. Die Vorstellung, dass Taten, die wir als Menschen schlecht nennen, sich als »schlecht« wieder ausformen, halte ich für eine Arroganz unserer Ichstruktur. Diese Evolution richtet sich nicht nach böse und gut.

Wie stehen Sie zur Sterbehilfe?

W. J.: Ich möchte nicht mit allen Raffinessen künstlich am Leben erhalten werden, sondern sterben dürfen, wenn mein Körper seinen Endzustand erreicht hat. Jesus hat einmal gesagt:« Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich gehe, euch eine zu bereiten.« Darf ein Mensch sagen:

Dieser Abschnitt des Lebens Gottes ist zu Ende, ich darf jetzt in die neue verheißene Existenz gehen?
Können Sie dem Leser noch abschließend einen Rat geben, wir er die scheinbaren Gegensätze von Leben und Tod aufheben kann und zwar nicht über den Verstand, sondern aus der Tiefe seines Herzens, seines Seins?

W. J.: Wer zu seinem wahren Wesen durchbricht, erkennt, dass es keinen Tod gibt. Es kommt die Zeit, in der wir unseren Tod feiern werden wie unsere Geburt, weil wir unser wahres Leben erfahren, das nicht sterben kann. »Du musst wiedergeboren werden«, sagt Jesus zu Nikodemus. Du musst dieses Dein göttliches Leben erkennen, das sich in dieser jetzigen Form manifestiert. Dann verliert der Tod nicht nur seinen Schrecken, du erfährst das Neue Unbegreifliche, das auf dich wartet. Die spirituellen Wege helfen uns, das eigene, göttliche Wesen zu erfahren. Geht den Weg nach Innen!

Dienstag, 17. März 2020

Andreas Altmann, Autor des Buches "Gebrauchtsanleitung für das Leben" im Interview

Foto: ©Salomé Bouloudnine

Es ist eine schwierige Zeit. Aber es ist auch eine spannende Zeit. Es ist eine Zeit, sich wieder auf das Glück der kleinen Dinge zu konzentrieren. Vielleicht hilft uns dieses Innehalten als Gesellschaft und als Individuum auch zu erkennen, dass es immer nur ds kleine Glück gibt. Das Glück des Moments.

Ich habe zum Thema "Das Glück der kleinen Dinge" ein Interview mit Andreas Altmann gemacht. Ich liebe seine Bücher. Sie sind tiefsinnig und differenziert und Andreas schreibt Sätze, die zum Nachdenken anregen. Es sind Sätze, die das Lesen wieder zu dem machen, was es eigentlich sein sollte: Ein großes Geschenk, ein spannendes Abenteuer und eine Bereicherung durch Sätze, für die es sich zu leben lohnt.

Nutzen wir diese Zeit, um uns dem Glück der kleinen Dinge zuzuwenden und auf das zu schauen, was wirklich wesentlich ist.

Samstag, 8. Februar 2020

Büchempfehlung für mehr Bewusstheit: Andreas Altmann und seine Gebrauchsanleitung für das Leben

Andreas Altmann gehört zu meinen Lieblingsautoren. Er ist schonungslos ehrlich, intelligent und hat darüber hinaus eine spitze Feder. Er schreibt Sätze, für die es sich zu leben lohnt. Wunderbare Formulierungen und so tiefsinnig. Sie schenken mir immer wieder einen neuen Blick auf das Leben.

So auch das Buch "Gebrauchsanweisung für das Leben", welches ich als Hörbuch höre. Es ist von Altmann selbst eingesprochen und somit ein doppelter Genuss.

Ich zitiere einen kurzen Inhalt aus seinem Buch, der auf der Verlagsseite von Piper steht - und habe dem nichts hinzuzufügen!

Dienstag, 4. Februar 2020

Achtsam morden: das beste Achtsamkeitsbuch aller Zeiten


Achtsam, wie bitte?! Achtsam morden?! 
Eine geniale Idee, diese beiden Gegensätze zu verbinden. Das Buch ist sowas von spannend. Sowas von witzig und sowas von intelligent geschrieben, dass es in jede Achtsamkeitsausbildung gehört. 
Ich habe viele Leute gesprochen, dir mir erzählt haben, dass sie erst durch dieses Buch die Achtsamkeit so richtig verstanden. Warum nicht?!
Das Buch ist aber auch wirklich so was von humorvoll, sarkastisch-lakonisch, dass man bereits nach den ersten Seiten vollkommen in den Bann gezogen wird. Auch wenn mein - so wie ich kein Krimifan ist. 
Die Story: Ein Anwalt wird von seiner Frau genötigt, einen achtwöchigen Achtsamkeitskurs zu besuchen, um die angeknackste Ehe zu retten. Ihr Mann Björn folgt ihrem Rat und landet bei einem Achtsamkeitscoach, der ihm die Prinzipien der Achtsamkeit schnell und gut vermittelt. Ganz zufällig gerät Björns Leben aus dem Ruder und der liebende Vater, permanent kritisierte Ehemann und äußerst kluge Anwalt eines Mafiosos rutscht immer tiefer in einen äußerst dreckigen Sumpf aus verzwickten Situationen und diversen Morden. Aber dank der Achtsamkeit bleibt er selbst in äußerst delikaten Momenten vollkommen wertfrei und achtsam. 
Genial, wie Dusse die Prinzipien der Achtsamkeit in die unterschiedlichsten Situationen in diesem Krimi verwebt. 

Montag, 3. Februar 2020

Bücher für mehr Bewusstheit: Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens

Heute gibt es als Buchempfehlungen einen Klassiker aus der spirituellen Literatur. "Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens" war eines der ersten Bücher, dass ich auf meinem persönlichen Weg gelesen haben und es hat mich tief berührt - und zwar in meinem eigenen Herzen.

Jack Kornfield beschreibt hier auf sehr einfühlsame und unterhaltsame Weise, dass Spiritualität mitten im Leben stattfindet. Es reicht nicht, wenn wir tiefe Einheitserfahrungen auf dem Meditationskissen machen. Viel wichtiger ist die Frage: Wie integriere ich diese in mein Leben?!

Dieses Buch enthält zahlreiche Übungen und macht deutlich, dass ein spiritueller Weg nur dann ein guter Weg ist, wenn er ein Herz hat.

Wie sieht dein Weg aus? Hat dein Weg ein Herz? Hat dein Weg auch ein Herz für dich selbst?!

Wenn du zu den Menschen gehörst, die Gott und die Welt bedingungslos lieben - oder lieben wollen, aber du dich selbst dabei außen vorlässt, dann könnte dieses Buch ein paar schöne Impulse für dich enthalten!


Freitag, 31. Januar 2020

Bücher für mehr Bewusstheit! Jean-Pierre Weill: Die Leichtigkeit des Seins. O.W.Barth
























Ich möchte Euch gerne wieder häufiger Bücher vorstellen. Bücher, die unser Wesen ansprechen. Bücher, die dich inspirieren. Bücher, die gegen die Verblödung sind.

Ich wollte den Titel für meine Buchbesprechungen erst "Bücher gegen die Verblödung" nennen. Ich weiß, es ist ein krasser Titel. Aber wir werden durch die sozialen Medien so dermaßen manipuliert, dass wir dem nur entgegenwirken können, indem wir das Handy immer wieder mal ausschalten und zu einem guten Buch greifen und uns auf das Wesentliche besinnen, von dem diese Bücher handeln.


Fortbildung: Die Kraft der Meditation erfahren, 28./29.03.2020 (10 – 17 Uhr)


Ich kehre gerade aus einem 5-wöchigen Schweige-Meditationsretreat zurück und habe dort wieder einmal die Tiefe und Qualität der Meditation erfahren dürfen. 

Deshalb freue ich mich besonders auf diese Fortbildung, die ich im März leiten werde.