Sonntag, 1. April 2018

Schau deiner Angst ins Gesicht – und lächle sie an!

Hast Du Angst? Möchtest Du sie überwinden oder lernen, besser mit ihr zu leben?! Oder hast Du Yogaschüler, die unter Ängsten leiden? Dann nimm teil an der Fortbildung im Yoga13 in Stuttgart am 15.04.2018. Wie mein Blick auf Ängste ist und warum es möglich ist, sie zu überwinden, erfährst Du schon mal an dieser Stelle.4.2018    17:30 Uhr



Besonders berührend für mich sind immer wieder Leserbriefe aus der spirituellen Szene. Hatte ich doch - in den Augen anderer Betroffener - großen Mut bewiesen, darüber zu berichten, dass man Yoga praktiziert oder meditiert und psychisch erkrankt sein kann. Viele meiner Leser hatten bis dahin nämlich gedacht, dass wer Yoga macht, Chi Gong praktiziert oder meditiert muss früher oder später glücklich, erfolgreich werden. Tritt dies nicht ein, macht man etwas falsch. Dabei hat das eine - wenn es sich um eine krankhafte Angsterkrankung handelt - gar nichts mit dem anderen zu tun. Um dies allerdings unterschieden zu können, braucht es den geschulten Blick eines guten fachkundigen Therapeuten oder Arztes, der sich mit diesen Themen auskennt. 


Weit verbreitetes Phänomen

Durch die Leserbriefe und Statistiken in den Zeitschriften realisierte ich erstmals, wie viele Menschen von Ängsten betroffen sind. Mittlerweile geht man sogar davon aus, dass in den Industrienationen jeder 5 Mensch einmal in seinem Leben unter tiefersitzenden Ängsten zu leiden hat. Manchmal kommt es mir nicht nur so vor, als wäre sie omnipräsent in unserer Gesellschaft: Ängste um den Arbeitsplatz, die Gesundheit, die Rente, die steigenden Mietpreise, die Pflege im Alter, etc. Sorgen unterschiedlichster Couleur reihen sich aneinander und werden nach und nach zu Ängsten, die uns den Schlaf rauben. Im schlimmsten Fall brennen sie den Menschen aus, lähmen ihn oder bringen ihn sogar um. Aber leider merkt man viel zu spät, wann die Angst sich einem in den Weg stellt, das Herz schneller schlagen lässt und den Schweiß auf die Stirn treibt. Spätestens dann, wenn der Körper Alarmsignale sendet, die Psyche streikt und der eigene Alltag kurzatmig, hektisch und ungesund wird, sollte man sich Gedanken über die eigenen Ängste machen und sie untersuchen. Auch ich brauchte lange, bis ich realisierte, das es nicht meine Kreativität oder war, die mich zu vielem antrieb, sondern dass die Angst der Motor zahlreicher Aktionen war. Waren es Ängste, nicht gut genug zu sein, nicht gesehen zu werden, nicht geliebt zu werden etc. die mich immer und immer wieder antrieben, gutes zu leisten.


Auf Tuchfühlung mit der Angst

Aber auch wenn wir noch so ängstlich sind und uns schwer tun, dem, was uns ängstigt, ins Augen zu schauen, so gibt es Weg aus dem Dilemma. Denn jeder kann selbst entscheiden, ob unsere Lebensumstände uns hart machen, sodass wir immer furchtsamer werden, oder ob sie uns weicher, sanfter machen für das, wovor wir uns fürchten. Anstatt vor der Angst wegzulaufen, rate ich den Menschen, Impulsen wie der Angst eine wache und bewusste Aufmerksamkeit entgegenzubringen, anstatt die Augen davor zu verschließen oder wegzulaufen. Die Praxis der Achtsamkeit ist hier sehr hilfreich!


Ansätze wie diese, die eine ganz konkrete Schulung des eigenen Geistes und der Kontrolle der eigenen Gedanken beinhaltet, können uns dahingehend ermutigen, das was uns Angst macht, zu untersuchen, und dem, was uns ängstigt, einen Namen zu geben, statt die Ängste zu verdrängen, in Alkohol zu ertränken oder durch Überaktionismus zu überspielen. Sobald wir etwas, was uns ängstigt, untersuchen und benennen können, verliert es augenblicklich zum Teil oder auch ganz seine Macht über uns. Ein solcher Blick auf die Dinge, die uns ängstigten, im Kleinen sowie im Großen, können viel Licht in unser Leben bringen und der Angst ihren Schrecken nehmen. Dazu braucht es übrigens nicht viel. 


In erster Linie braucht es den Entschluss, die Offenheit und die Neugierde, der Angst zu begegnen und sich nicht mehr von ihr beherrschen zu lassen. Dies ist ein erster wichtiger Schritt. Ein zweiter hilfreicher ist, in Momenten, die uns ängstigen, nicht automatisch innerlich oder äußerlich wegzulaufen, sondern tief durchzuatmen und dadurch ruhig zu werden. Allein ein einziger Moment der Ruhe, Bewusstheit und geistigen Klarheit kann uns nämlich davor beschützen, besorgt und verängstigt wegzulaufen, tief durchzuatmen und genau hinzuschauen. 


Schauen wir den Konflikten, Menschen, Herausforderungen und Krisen mutig ins Gesicht, anstatt wegzulaufen, verlieren all die kleinen und großen Ängste, die so gewaltig an unserem Herzen zerren, die uns den Schlaf rauben, unser Vertrauen in das Leben stehlen und so viel Leid in unserem Leben verursachen, ihre gewaltige Macht über uns.  Das heißt, dass wir all unsere Ängste nur mit Mut auflösen können. Nur durch Achtsamkeit können wir entspannen und inneren Frieden finden. Ängste zu erkennen und zu benennen, ist für jeden, der unter seinen Ängsten leidet und von ihnen bestimmt wird, ein erster Schritt auf dem Weg in ein selbstbestimmtes, angstfreies Leben. Sie zu untersuchen und einzuordnen, ein hilfreicher zweiter. Nur so verlieren wir langsam die Angst vor der Angst. In den Situationen, in denen wir dies nicht tun, bleiben wir weiterhin ihre Geisel und fühlen uns weiterhin gelähmt und als Opfer. Nur dann, wenn wir der Angst nach und nach ins Gesicht schauen, wird sie sich wenn auch sehr, sehr langsam aber sicher durch tiefes Verständnis verwandeln. 


Der Angst in die Augen schauen

Natürlich stellt sich immer wieder schnell die Erinnerung an etwas, was uns ängstigt, oder etwas, was wir in der Zukunft befürchten, zwischen uns und unseren klaren Verstand. Es erfordert hohe Aufmerksamkeit, den eigenen Blick dafür zu schulen, dass es sich hierbei lediglich um Gedanken handelt, die nichts mit dem gegenwärtigen Moment zu tun haben. Lassen wir uns jedoch nicht von diesen angstvollen Gedanken in die Vergangenheit oder Zukunft ziehen, sondern begegnen wir uns selbst und unseren Ängsten stattdessen mit einem neugierigen Blick, dann zeigt uns diese Neugierde und Offenheit uns selbst gegenüber einen Weg zurück in eine Freiheit, die wir uns in kleinen Schritten zurückerobern können. Diese kleinen zarten Schritte können darin bestehen, neugierig zu sein und auszuprobieren, was uns  gut tut, statt erstarrt vor Angst in Untätigkeit zu verharren. Gut tun können ganz banale Dinge wie Gartenarbeit, weil sie erdet. Atemübungen, wie sie das Nervensystem beruhigen und in den gegenwärtigen Moment führen. Spaziergänge in der Natur, weil sie entspannen. Aber manchmal reicht der Buddhismus oder andere spirituellen Praktiken nicht mehr aus und dann braucht es eine fundierte klassische Psychotherapie, die uns darin unterstützt, die eigenen Ängste zu überwinden oder lernen, mit ihnen besser zu leben. 


Gesunde Angst – ein überlebenswichtiges Gefühl

Was aber genau ist die Angst? Sie zählt zu den angeborenen menschlichen Gefühlen und zu den grundlegenden Gefühlen der Menschen, ähnlich wie Freude, Trauer, Wut und Liebe. Sie spielt für das menschliche Überleben ganz zentrale Rolle. Aus der Evolutionsbiologie ist bekannt, dass sie da ist, um uns zu beschützen. Die Amygdala, jener mandelförmige Bereich im Mittelhirn, ist für die Angst zuständig. Sie ist geradezu übereifrig und schießwütig. Das muss sie auch sein. Werden wir bedroht oder befinden wir uns in einer lebensgefährlichen Situation, müssen wir so schnell wie möglich reagieren und das können wir nur mit ihrer Hilfe. Wird die Amygdala durch ein Gefahrensignal aktiviert, verbindet sie sich sofort mit dem Hirnstamm und löst eine körperliche Reaktion aus, die den rationalen Teil des Gehirns umgeht. Diese unmittelbare erste Reaktion passiert in einem Bruchteil von Sekunden. Das heißt, noch bevor wir uns versehen und überhaupt realisieren, ob das vor uns zum Beispiel wirklich eine giftige Schlange oder eine gefährliche Person ist, befinden wir uns bereits in einer Flucht- oder Kampfreaktion. Würden wir erst lange überlegen, ob etwas tatsächlich gefährlich ist oder nicht, wären wir schon tot, noch bevor wir zu einer Erkenntnis gekommen sind. Oft aber ist die vermeintliche Schlange nur eine diffuse Erinnerung aus unserer Vergangenheit, die von irgendetwas aus der Gegenwart getriggert wurde. Ebenso kann es passieren, dass uns eine bestimmte Geste an unseren cholerischen Vater erinnert, der damals quasi unser Leben bedroht hat. Wenn dann jemand die Hand hebt, um uns zum Beispiel einen schönen Baum oder etwas in der Luft zu zeigen, kann sich das schon wie eine Bedrohung anfühlen. Der Bauch zieht sich zusammen, der Nacken verkrampft sich, und wir reagieren auf etwas, was eigentlich harmlos ist. Je nach Situation, ob realistisch oder nicht, alarmiert die Angst die ganze Aufmerksamkeit eines Menschen blitzschnell. Der Körper reagiert sofort: Die Verdauung wird heruntergefahren, Gehör- und Sehsinn werden geschärft, die Muskeln spannen sich an. Herzfrequenz, Atmung und Blutdruck nehmen zu, und wir beginnen, zu schwitzen und zu zittern. Die körperlichen Reaktionen auf Angst sind in ihrer Ausprägung jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ist die Bedrohung vorbei, schwinden auch die Symptome. Das Problem ist allerdings, dass in der heutigen Welt die wenigsten von uns regelmäßig in lebensbedrohliche Situationen kommen, unsere Gehirne aber dennoch so reagieren, als ob dies der Fall wäre. Dann bleibt der Sympathikus, das heißt, der Teil unseres vegetativen Nervensystems, der den Körper in einen Zustand höchster Aufmerksamkeit bringt, aktiv und kommt, wenn sich solche vermeintlich gefährlichen Situationen wiederholen, nicht zur Ruhe. Die Angst bleibt im Körper. Der Stress steigt. Bauen wir den angesammelten Stress nicht irgendwann ab, kann er sich körperlich oder psychisch als Erkrankung gegen uns richten.

Die Angst als Triebfeder


Aber Ängste sind nicht nur schlecht. Manche Ängste können sogar das Salz in der Suppe des Lebens sein. Sie stärkten unseren Mut, inspirieren uns und spornen uns bisweilen zu Höchstleistungen an. Der dänische  Philosoph Soren Kierkegaard schreibt, dass die Angst unendliche Möglichkeiten des Könnens enthält und dadurch den Motor menschlicher Entwicklung bilden kann. Selbst ein Genie wie Picasso war von Angst getrieben: „Jeder Versuch, Picasso zu verstehen, bleibt hoffnungslos, wenn wir nicht davon ausgehen, dass er niemals einen Menschen so nah an sich heranließ, dass dieser hätte erahnen können, welch immense Angst in ihm lauerte“, so Norman Mailer. „Eine seiner beachtlichsten Leistungen während der mehr als 90 Jahre seines Lebens bestand darin, diese große innere Angst so weit zu beherrschen, dass sie ihn zum Arbeiten anregte – und wie er arbeitete! Arbeit war sein Zaubertrank gegen die Angst.“  Der italienische Komponist Antonio Vivaldi wurde von Panikattacken geplagt, die amerikanische Sängerin Barbara Streisand litt unter einer solch schweren sozialen Phobie, dass sie 20 Jahre lang nicht mehr öffentlich auftrat, nachdem sie einmal bei einem Konzert im Central Park in New York ein paar Worte eines Songs vergessen hatte. Der deutsche Komiker Heinz Erhardt, trug bei seinen Auftritten immer eine Brille mit Fensterglas, durch die er nur verschwommen sehen konnte.


Die Angst bändigen

Was auch immer unsere Ängste in uns bewirken, ob sie uns lähmen oder inspirieren, sobald wir die Wurzeln dieser Ängste erkennen und verstehen, können wir lernen, besser mit ihnen umzugehen, oder sie – nach den Worten des Dalai Lama– sogar zähmen: „Mit Geduld zähmt man sogar wilde Tiere. Weshalb sollten wir also unseren Verstand (und damit unsere Angst) nicht zähmen können.“ Wer diesem Rat des Dalai Lamas folgt, der wird mit viel Geduld, Achtsamkeit und Mut lernen, sich nicht mehr schuldig dafür zu fühlen, Ängste zu haben, obwohl man bereits seit vielen Jahren einen spirituellen Weg geht. Sondern man wird dann viel eher erkennen, dass Ängste sogar zu einem der größten spirituellen Lehrer werden können.
Weitere Infos zum Workshop findest Du hier: www.yoga13.de/workshops

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